Was Kuchenkrümel mit einem Software-Start-up zu tun haben – so hat die Jugend im Familienbetrieb mein eigenes Business beeinflusst

Ich denke die meisten stimmen mir zu, dass die Jugendzeit in vielerlei Hinsicht auch einen Einfluss auf ihr heutiges Ich hat. Manche Erfahrungen möchte man dabei vielleicht eher ausblenden, andere hingegen waren so lehrreich, dass sie das Fundament für viele Lebensentscheidungen bilden. 

Einen Großteil meiner Kindheit und Jugend habe ich im Betrieb meiner Großmutter verbracht. Sie hatte mit meinem Großvater 1961 ein Café eröffnet – Nierentischchen, Cocktailsessel und Musikbox luden zum Verweilen und Feiern ein. Es wurde zu einem beliebten Treffpunkt und das Geschäft wurde mit der Vermietung von Zimmern sogar zu einem kleinen Hotel ausgebaut. Dann verstarb Mitte der Siebzigerjahre relativ plötzlich mein Großvater und – alles andere, als gewöhnlich für diese Zeit – meine Großmutter entschied sich, weiterzumachen. Von heute auf morgen wurde der Betrieb ausschließlich von Frauen geführt: Meine Oma als Inhaberin hatte vor allem die Finanzen im Blick, meine beiden Tanten haben sich um Café, Backstube und Küche gekümmert und meine Mutter war als gelernte Hotelfachfrau für die Zimmer und Gäste verantwortlich. Und ich als Kind mittendrin. 

Ich hatte mich nach der Schule für einen anderen beruflichen Weg entschieden – aber so weit weg diese Zeit auch von meinem heutigen Leben ist, so gibt es dennoch einige Dinge, die ich für mich mitgenommen habe und die mich auch im Job-Kontext beeinflussen. Manches davon hat mich inspiriert, Dinge ähnlich zu machen und manches hat mir auch vor Augen geführt, was ich für mich und mein Business anders machen möchte.

1. Ohne Technologien keine Zukunft

Die Generation meiner Großmutter war technologischem Wandel gegenüber nicht gerade aufgeschlossen und hing sehr an den altbewährten Dingen. Bis bei uns damals ein Faxgerät einzog, hat es viel Überredungskunst gebraucht – was sicher auch daran lag, dass alles rund um Technik als „männlich“ galt. 

Heute kann sich definitiv niemand mehr auf seinen Erfolgen ausruhen oder vor neuen Technologien verschließen. Gerade die Vertriebsbranche ist ein gutes Beispiel: Vieles läuft heute noch dezentral und wenig vernetzt ab und wertvolle Synergien werden nicht genutzt. Studien zeigen, dass deutsche Unternehmen im Schnitt monatlich 19.500 Euro aufgrund von unkoordinierten Vertriebsaktivitäten verlieren. Genau das ist meine Mission mit flowflake: Wir möchten vor allem auch den Mittelstand – der häufig einen verhältnismäßig hohen Innovationsbedarf hat – nach vorne bringen. Zu sehen, welche Chancen meine eigene Familie damals verpasst hat, ist ein großer Motivator für mich, es selbst anders zu machen und vor allem auch anderen dabei zu helfen, ihr Business mithilfe neuester Technologien weiterzuentwickeln. 

2. Feierabend – zwischen der „Extrameile“ und Zeit für Privates

Ich habe vorgelebt bekommen, dass dann Feierabend ist, wenn die Arbeit des Tages getan ist und alle To-dos erledigt sind. Wenn etwa spät abends noch ein Gast kam, wurde dieser selbstverständlich noch bekocht und eben erst eine Stunde später Feierabend gemacht, als geplant. Im Betrieb meiner Großmutter waren gefühlt alle 24/7 einsatzbereit, was natürlich auch zu einer entsprechenden Belastung führte und nur wenig Zeit für Privates ließ. Und wenn etwas Zeit war, haben sie uns Kinder versorgt – aber sicher nicht an sich gedacht. 

In meinem ersten Job fiel es mir tatsächlich gar nicht so leicht, nach acht Stunden nach Hause zu gehen – das musste ich erst lernen. Mit meiner Selbstständigkeit hat sich aber auch das nochmal verändert: Gerade in der Gründungsphase sprudelt man regelrecht über vor Ideen und macht durchaus auch mal die Nacht zum Tag. Heute habe ich für mich einen guten Mittelweg gefunden. Es gibt Momente, wo ich gerne die berühmte „Extrameile“ gehe und gehen möchte – schließlich bedeutet mein Job für mich auch ein Stück weit Selbstverwirklichung. Aber es gibt genauso Momente, wo ich wirklich pünktlich Feierabend mache, um bewusst Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Wichtig ist die Balance und dass fernab vom Joballtag auch Zeit zum Luftholen und Nachdenken bleibt. 

3. Selbst ist die Frau 

Ich war im Familienbetrieb umgeben von Frauen, die ein erfolgreiches Business geführt haben – und es gab nahezu keine Situation, in der wir die Hilfe eines Mannes in Anspruch hätten nehmen müssen. Wenn es etwas zu tun oder reparieren gab, hat man es selbst in die Hand genommen und dabei immer etwas Neues gelernt. Mit jedem Mal wurde man besser. Für mich mitgenommen habe ich eine echte Hands-on-Mentalität und die Erkenntnis, dass ich (fast) alles lernen und schaffen kann – wenn es etwas zu tun gibt, probiere ich es selbst einmal aus, um Dinge zu durchdringen und zu verstehen. Was aber nicht bedeutet, dass ich nicht auch die Hilfe von anderen in Anspruch nehme. Denn das ist mindestens genauso wichtig – seine eigenen Stärken zu erkennen und loszulassen, wenn andere etwas besser und dadurch häufig auch schneller können. 

4. Vertrauen hat man zu Menschen, nicht zu Maschinen

Viele Branchen leben vom direkten Kontakt mit den Kund:innen – das ist in der Gastronomie genauso, wie im Vertrieb. Ein Gast geht nicht nur wegen des leckeren Essens in ein bestimmtes Restaurant, sondern auch wegen des netten Services und der besonderen Atmosphäre. Und wer online kauft – gerade bei größeren Anschaffungen – ist nicht nur auf der Suche nach dem günstigsten Preis, sondern sucht bewusst Beratung und Orientierung im persönlichen, vertrauensvollen Gespräch. Dieses Vertrauen ist tatsächlich auch eine Kompetenz, die man meiner Meinung nach niemals technologisch aufbauen kann: Vertrauen hat man zu Menschen, nicht zu Maschinen. Und Vertrauen ist bei solchen Entscheidungen essenziell.

5. Kinder müssen nicht „weggestaltet“ werden

Eine kleine Zeitreise – es ist 1981 und ich spiele mit meinen Cousinen im Laufstall, der in einer Ecke der Restaurant-Küche aufgestellt ist. Und somit im Herzen unseres Familienlebens. Unangemeldet kam der Herr vom Gesundheitsamt – doch statt einer Abmahnung bekam meine Mutter zu hören „Wir sind doch damals alle so groß geworden, das ist schon ok.“ Ich bin damit aufgewachsen, dass Kinder als Teil der persönlichen Lebensrealität ein Stück weit auch im Berufsleben sichtbar sind – und das ist nicht schlimm, sondern natürlich. 

Heute befinden wir uns mitten im Lockdown und Videokonferenzen stehen für viele an der Tagesordnung. Da auch die Kinder im Moment zuhause bleiben müssen, kommt es durchaus vor, dass meine beiden Töchter mal in die Kamera winken. Was im vergangenen März noch für Verwunderung gesorgt hat oder gar als unprofessionell bezeichnet wurde, ist heute normal. Für diese Entwicklung bin ich sehr dankbar und ich hoffe, dass die allgemeine Akzeptanz gegenüber Kindern im Berufsalltag auch in Zukunft so bleibt. 

Die Jahre im Familienbetrieb waren für mich eine ganz besondere Zeit, eine lehrreiche Zeit. Und auch wenn ich es nicht vermisse, Kaugummis unter den Tischen abzukratzen oder das Silberbesteck für 30 Gäste zu polieren, so möchte ich diese Erfahrungen nicht missen. Der Zusammenhalt war außergewöhnlich und es macht mich unfassbar stolz zurückzublicken auf das, was die Frauen meiner Familie – trotz aller Hindernissen und Herausforderungen – über fast fünf Jahrzehnte dort erschaffen haben. Den Unternehmergeist habe ich mitgenommen und werde ihn an meine beiden Töchter weitergeben – und wer weiß, wohin das aktuelle „Abenteuer Start-up“ uns als Familie führen wird!